Interview

Ein Selbstinterview

 

Frage:    

Herr Melzer, Sie sind 1941 in Chemnitz geboren …

 Antwort:

Ich sage immer scherzhaft, dass ich Kriegsteilnehmer im zweiten Weltkrieg gewesen bin. Das war ich aber wirklich, also bis zum vierten Lebensjahr. Meine ersten Erinnerungen sind Sirenen, die vor Luftangriffen warnten, die Aufschreie in der Dunkelheit des Luftschutzkellers und schließlich das Licht am Ende eines Tunnels, nachdem wir – also meine Mutter, mein Bruder und ich – nach dem Bombardement von Chemnitz im Jahre 1944 ausgegraben worden waren …

 

Frage:

Sie haben Ihre Kindheit in der SBZ …

 Antwort:

Genau, zuerst in Flüchtlingslagern und dann bei Verwandten, die auch nicht wussten wovon sie leben sollten. Während des ersten Schuljahres, also 1947, war in unserem Schulhof ein Drahtzaun installiert, durch den wir russische Soldatenkinder, also die Kinder von Offizieren der sowjetischen Besatzungsmacht zum ersten Mal sahen, die uns als „Faschisten“ bezeichneten und anspuckten.

 

Frage:

… und in der DDR verbracht?

 Antwort:

Als die DDR gegründet wurde, also 1949, war ich acht Jahre alt und erinnere mich vor allem an Zeiten der Knappheit und des Hungers, dann aber auch der politischen Erziehung mit täglichem Fahnenappell, dem Sieg über den Kartoffelkäfer und der ständigen Mahnung für den Weltfrieden einzutreten.

 

Frage:

Später haben Sie in Rostock studiert …

 Antwort:

Allerdings erst auf Umwegen. Da mein Stiefvater kirchlich gebunden war, wurde ich trotz guter Noten nach der 8. Klasse entlassen, durfte also kein Abitur machen. So ging ich in die „Lehre“ als Versicherungskaufmann, arbeitete, weil ich ja unbedingt studieren wollte, im Straßenbau, in der Chemieindustrie und landete schließlich 1961 an einer Offiziersschule. Nach deren Abschluss bemühte ich mich um meine Entlassung, um die damit gewonnene Hochschulreife zu nutzen. Das gelang mir 1972, so dass ich mit 31 Jahren endlich studieren konnte.

 

Frage:

Sie haben Geschichte und Germanistik …

 Antwort:

Rostock war inzwischen meine Wahlheimat geworden und das waren meine Wahlfächer. Als „älterer“ Student hatte ich schon zwei Kinder, aber ich habe alles, was mit diesen Fächern zu tun hatte, mit großem Engagement betrieben, so dass ich nach einem erfolgreichen Studium eine Assistenz und danach eine Aspirantur an der Universität Rostock erhielt, 1983 eine Dissertation über Christa Wolf verteidigte und nach einer drei Jahre dauernden Dozentur in Bratislava …

 

Frage:

Sie waren im Ausland?

 Antwort:

In Bratislava habe ich den „sozialistisch“ verbrämten Charme der Reste der KuK-Monarchie genossen, mit Mode, Handkuss, Walzer und einem ungarischen Professor, der sich als Jäger für die Hirsche in Zilina mehr interessierte als für seine Lehrtätigkeit. Ich habe mit vielen klugen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten können …

 

Frage: Und dann waren Sie in Jena …

 Antwort:

Ja, ich erhielt das Angebot einer Hochschuldozentur an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dort habe ich Neuere Literaturtheorie und Medientheorie unterrichtet, aber auch Seminare zur christlichen Ästhetik, zur mittelalterlichen Epik, zur Literatur des 19. Jahrhunderts, zur DDR-Literatur und zur Gegenwartsliteratur angeboten.

 

Frage:

Und wann wurden Sie Schriftsteller?

 Antwort:

Als Literaturwissenschaftler war man viel zu befangen, um selbst schreiben zu wollen was man als „Literatur“ anerkennen konnte. Also kam mir das Schicksal zu Hilfe, so dass ich nach „Wende“ und „Evaluierung“ meinen Abschied aus Jena nehmen, wieder nach Rostock zurückkehren und ein neues Leben anfangen konnte. Ich wurde nach kurzer Arbeitslosigkeit in der damaligen Kreisverwaltung Rostock Land als ABM-Kraft eingestellt und mit dem Projekt einer „Europäischen Begegnungsstätte“ beauftragt, danach als „Gehobener Dokumentar“ im Norddeutschen Rundfunkt und schließlich als Mitarbeiter in der Kulturabteilung der Stadt Rostock eingestellt. Danach habe ich Kommunikation, Marketing und Rhetorik unterrichtet, Sprachkurse für Spätaussiedler geleitet und den Verein „pro arte. Künstlerakademie in Mecklenburg-Vorpommern“ mitbegründet, der uns die Möglichkeit gab, eine Reihe von künstlerischen Projekten zum Leben zu erwecken.

Bei all diesen Tätigkeiten und Projekten habe ich sehr viele neue Erfahrungen machen können, zum Beispiel mit Förderprogrammen, Bauplanungen, Genehmigungsverfahren (einschließlich der Praxis der „Treuhand“), Bürgerbefragungen, Architektur-Visionen und Erschließungsarbeiten. Als Dokumentar konnte ich bei der Digitalisierung der archivierten Bestände des DDR-Rundfunks mitwirken, die „round-table“-Gespräche (damals nannte man das „Gespräche am Runden Tisch“) und die Landtagssitzungen nach der Wende (einschließlich aller Zwischenrufe) verfolgen.

Hinzu kamen für mich auch Beziehungen zu vielen anderen Menschen, Reiseerfahrungen in Spanien (Santiago de Compostela), in skandinavischen Ländern und anderswo, überall dort wo ich eine energetische Beziehung haben konnte.

In den Zeiten meiner Arbeitslosigkeit hatte ich gemeinsam mit einem Freund, der schon im Verlagsgeschäft tätig war, die Idee einer „unernsten“ Geschichte Mecklenburgs entwickelt. Dieses Buch war auch ein neuer Anfang und eine wichtige Erfahrung: In jedem Kapitel hatte ich eine ganz spezielle Art von Geschichtsschreibung karikiert und keiner, nicht einmal die Geschichtswissenschaftler, hatten es bemerkt.

 

Frage:

Aber Sie haben diese „Unernste Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns“ ja ganz betont als „unernst“, also „lustig“ bezeichnet.

 Antwort:

Das Land Mecklenburg wurde nach der „Wende“ als Möglichkeit einer neuen politischen Identität angenommen. Meine Leser hatten allerdings kaum historische Kenntnisse und schon gar nicht über Mecklenburg. Sie waren jedoch wissbegierig und wollten sich mit unserer Geschichte befassen, unter anderem wollten sie ihren Verwandten, Gästen und den Touristen etwas erzählen können.

So entstand meine Absicht, die Leser nicht nur über Geschichte zu informieren, sondern ihnen auch eine Möglichkeit des freien Umgangs mit ihr zu geben. Das habe ich in meinen Büchern „Tja, so war‘ s“ und dem Roman „Närrische Zeiten“ beibehalten.

Mir liegt Humor, auch wenn das Wort verwaschen erscheint, näher als Satire. Bei Satire bleibt einem das Lachen im Halse stecken, man regt sich auf ohne etwas ändern zu können und wird irgendwann krank. Das Lebensprinzip Humor dagegen befreit, gibt Kraft, neue Sichten und Souveränität. Natürlich dauert es lange, die Zwänge des alten Moralismus aus den Köpfen zu bekommen und eine neue Selbstsicherheit zu erarbeiten.

 

Frage:

Sie haben Prinzipien?

 Antwort:

Gelegentlich, das heißt solange sie für mich Sinn machen und meinem Denken Struktur geben. So brauche ich beispielsweise das Schreiben als Freiraum um über Zwänge aller Art kommunizieren zu können. Dadurch wird es möglich, über den Dingen zu stehen ohne sie zu ignorieren. Das ist für mich eine Art praktischer Spiritualität.

 

Frage:

Zur Zeit schreiben Sie an einem dicken Roman …

 Antwort:

Ich weiß, das ist momentan nicht so „in“. Die meisten Leute haben keine Zeit zum Lesen und schon gar nicht zum Nachdenken.

 

Frage:

„Närrische Zeiten“ ist ein Roman über die Gegenwart?

Antwort:

Kommt darauf an, was man unter „Gegenwart“ versteht. Es ist ein Buch über die Zeit seit der Wende, also über gut dreißig Jahre „Nachwende“, und ich habe ihm den Titel „Närrische Zeiten“ in Anlehnung an den Begriff der „Narrschen Tieden“ gegeben. Kenner der niederdeutschen Literatur wissen was damit gemeint ist.

Der zweite Band ist mit dem Untertitel „Nu lüden dei Klocken anners“ wird in den nächsten Wochen gedruckt und der dritte Band des Romans ist so gut wie fertig und wird im nächsten Jahr mit dem Untertitel „Awer sünst is allens in Ordnung“ erscheinen, das wird also ein Dreiteiler mit fast 2000 Seiten.

 

Frage:

Und das soll „lustig“ sein?

 Antwort:

Ja, das soll „affsünnerlich“ sein, ich versuche das „Närrische“ in unserer Zeit humoristisch zu verstehen und zu kommunizieren. In unserer „Gegenwartsliteratur“ erfährt man nicht viel über die Menschen, also die Leute, die sich immer wieder durchsetzen und ihr Leben neu erfinden müssen. Abgesehen von all den Existenzängsten, denen wir ausgeliefert sind, sind die großen und kleinen Verletzungen und Traumata, die unsere Generation(en) vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, in der DDR und schließlich nach 1989 verarbeiten mussten, beachtlich. Viele verloren ihre Arbeit, ihre Biografie und ihre menschliche Würde. Viele haben bis heute Angst, mit ihrem Weltbild nicht zurecht zu kommen und wollen die alten Auseinandersetzungen nicht noch einmal führen, da ja die innerdeutschen Feindbilder scheinbar für alle Zeiten festgelegt scheinen.

 

Frage:

Und wer soll das alles lesen?

 Antwort:

Wenn man von seinem Leben etwas authentisch berichtet, interessiert es die Leute. Ich lege großen Wert auf Fakten und historische Genauigkeit, auch wenn ich mit den Zusammenhängen spiele und manches absurd erscheint: Ohne das „Ernste“ ist das „Komische“ und „Närrische“ nicht zu verstehen und nur so entstehen neue Sichten auf die Realität. Die meisten Menschen haben ein Gespür dafür, ob etwas ehrlich ist. Im Übrigen bin ich konservativ und der Meinung, dass Bücher sich nicht immer elektronisch, also digital „verflüchtigen“ müssen. Das Anfassen, das „Blättern“ ist nach wie vor eine Art Zeugenschaft, eine kulturgeschichtliche Erfahrung von Wert.

 

Frage:

Wünschen Sie, dass Sie Recht haben?!

 Antwort:

Ich habe die Gewissheit, dass sich zunehmend mehr junge Leser für unsere Geschichte interessieren und alle Möglichkeiten des Wahrnehmens und Denkens nutzen werden, weil sie in Heiterkeit, Würde und Selbstachtung leben wollen.

 

Ostseebad Rerik, 2019