Die unernste Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns

Leseprobe

Normal ist ja, dass Säufer früher sterben. Nicht so in Mecklenburg-Vorpommern. Dort leben sie länger.
Eines der besten Beispiele dafür ist das von Heinrich dem Dicken, einem Herzog, der das größte Mecklenburg hatte, was es jemals gab.
Um das zu kriegen, brauchte er nichts weiter zu tun als abzuwarten bis alle seine Verwandten und Nebenbuhler starben. Und sie taten ihm den Gefallen, einer nach dem anderen.
Heinrich saß dann beim Bier, reichte seinem Mundschenk den Becher und fragte: „Gibt es neue Post? Ist heute schon irgendein Verwandter gestorben?“
„Nicht, dass ich wüsste“, sagte der, „aber es ist ja noch früh am Tag und die Wege sind etwas, nun ja. War nicht letztens dem Herrn Vetter unwohl?“
„Hat wohl auch das Fieber“, sinnierte Heinrich und ließ sich nachschenken.
Prompt starb einer, Heinrich erbte und versuchte, sich die neu hinzugekommen Titel zu merken.
„Wie heiße ich heute?“ fragte er seinen Mundschenk.
„Heute“, sagte der dann eines Tages, „ist der letzte Eurer engeren Verwandten gestorben. Ihr seid nun Herzog von Mecklenburg, Fürst von Wenden, Graf von Schwerin und der Lande Rostock und Stargard Herr.“
Der Herzog hörte es gern und reichte seinen Becher rüber.
„Tut mir leid“, sagte der Mundschenk, „das Bier ist alle.“
„Was heißt hier“, fragte der Herzog, „das Bier ist alle?“
„Das war das letzte Fass und ich habe von der Kämmerei kein Geld bekommen, um ein neues zu kaufen. Und leihen wird uns niemand mehr etwas.“
„Und warum hat man dir kein Geld gegeben?“
„Herr, mit Verlaub“, sagte der Mundschenk ein wenig ängstlich, „es ist keines mehr da. Ihr habt zu viele Schulden und zu wenige Einkünfte. Und die Reisekosten für den letzten Reichstag sind auch noch nicht beglichen.“
„Ist das nicht seltsam“, sinnierte der dicke Heinrich, nachdem er seinen Tobsuchtsanfall überstanden hatte, „da bin ich nun der bedeutendste aller mecklenburgischen Herzöge und kann mir nicht mal ein Bier leisten.“
Der Mundschenk schwieg höflich.
Heinrich überlegte.
„Ich werde eine neuen Zoll einrichten“, sagte er, „da kommt doch immer was zusammen.“
„Herr“, sagte leise der Mundschenk, „Ihr wisst doch, dass der Kaiser Euch das verboten hat und dass die Hansestädte sofort auf die Barrikaden gehen würden.“
„Da bleibt uns nur noch die Privatisierung! Wir werden ein Amt verpfänden!“
„Herr, ich wüsste kein Amt, das nicht schon verpfändet wäre.“
Heinrich fluchte. Dann wurde er moralisch und bedauerte seine armen Söhne, die eines Tages nur Schulden erben würden. Und dann tobte er wieder.
Und als dieser Anfall vorüber war, entschied er, dass das eben geerbte Land verpfändet werden sollte, um den Bierkeller aufzufüllen.
Als eines Tages wieder einmal nichts zu trinken im Hause war, befahl er, das herzogliche Tafelgeschirr zu verpfänden.
„Aber woraus wollt Ihr trinken?“, fragte der Mundschenk.
„Holt diese Holzbecher aus Banzkow“, sagte Heinrich, „die sind schön billig und zerbrechen nicht. Und daraus trinken kann man allemal.“
So wurde Herzog Heinrich immer reicher an Land, aber immer ärmer an Vermögen.
Und dann versuchte er, die alten Schulden mit neuen auszugleichen. Dieses Verfahren nennt man Umschuldung und es ist noch heute in vergleichbaren Situationen in Gebrauch.