Handbuch Deutsches Benehmen

Leseprobe

Schicksal

Des Cheruskerfürsten Arminius Hand ging an seine linke Seite, dort, wo das Schwert sein musste. Aber da fiel er schon, tödlich getroffen.
„Warum?“, fragte er bitter, „warum nur?“
Der feige und heimtückisch geführte Hieb im Auftrage seiner eigenen Verwandten war gründlich genug gewesen, die Wunde war tief und groß.
Arminius fühlte seinen Tod nahen und so zog noch einmal sein Leben an ihm vorüber. Seine glückliche Knabenzeit, die Kampfspiele, die Entführung der schönen Thusnelda, die ihm sein Schwiegervater, der Verräter Segest, nie verziehen hatte. Er dachte an die Zeit mit den Römern, die ihn, den cheruskischen Fürstensohn, in ihre Kampfesweise eingeweiht und zu einem Ritter und Offizier gemacht hatten, an seinen Freund, den Feldherren Varus, der so vernarrt in ihn gewesen war und ihm so blind vertraut hatte. Und schließlich dachte er an seine Mitkämpfer, die Germanen, denen er aus Bedrückung und Knechtschaft hatte helfen wollen, als sie im Teutoburger Walde so tapfer aus dem Hinterhalt auf den Feind eingeschlagen hatten. So mancher der bärtigen rauen Helden, dem er vorher noch die Hand zum Schwur gereicht hatte, war dabei gefallen. Mit ihnen fühlte er sich verbunden und nun – würde er sie wiedersehen, dort, wo der wütende Gott die versammelten Krieger versammelte?
Er griff an sein Herz.
„Ich hab es geahnt“, sagte er zu seinem treuen alten Begleiter, der unbedeckten Hauptes neben ihm stand, „aber dass es einer aus den eigenen Reihen sein musste …“
„Er war Eurer nicht würdig“, sagte dieser und wischte seine feuchten Augen.
„Oh, sag solches nicht“, entgegnete ihm Arminius, nach Atem ringend, nicht
er war mein Mörder, mein Schicksal wars.“
„Ja“, sagte der greise Waffengefährte, „ das Schicksal wars“.
Und fasste noch einmal nach des Arminius Hand, wie um sich zu verabschieden für kurze Zeit.
Da lächelte der Held noch einmal, mühsam freilich, und dann brachen ihm die Augen und sein Begleiter wusste, dass sich sein Schicksal erfüllt hatte.

Es war nicht einfach nur eine Geste der Großherzigkeit, die Arminius dazu brachte, seinen Mördern zu verzeihen und seinen Tod als Schicksal zu verstehen.
Schicksal ist das dumpfe Wort, das alles erklären kann, was uns Deutschen widerfährt. Schicksal ist der helle Klang, der uns aufruft, das Unvermeidliche zu tun.
Nachdem Ulrich von Hutten anderthalb Jahrtausende später in einer römischen Bibliothek Berichte über des Arminius Heldentum entdeckt hatte, ging er vor Freude in ein Bordell und bekam die Syphilis. Schicksal ist ein deutsches Wort,
es bezeichnet einfach was uns passiert ohne dass wir etwas dafür können.
Im Unterschied zu anderen Völkern zeichnen sich also die Deutschen durch einen ausgeprägten Sinn für Schicksal aus. Insofern kann ihnen alles zum Schicksal werden: Eine fixe Idee, eine Diät, eine Firmengründung, ein Führer, ein unglücklich gewählter Vorname, ein Kredit, ja selbst ein einfacher Dachziegel oder eine rasch auf „Rot“ umschaltende Ampel.
Und eben mit dieser grundsätzlichen Haltung ertrug er die Einführung des Christentums als er verstand, dass der göttliche Wille nur ein anderes Wort für Schicksal war. Er ertrug den Dreißigjährigen Krieg und alle seine Folgen, weil er ihn als Schicksalsfügung verstand und die fürstliche Macht, weil sie Strafe und Gnade wie Launen des Schicksals handhabte, er begeisterte sich für ein einiges deutsches Kaiserreich, weil es nach langen Jahren wieder ein gemeinsames deutsches Schicksal ermöglichte. Der Faschismus triumphierte, als er von schicksalhafter Verstrickung, Vorsehung und Schicksalsgemeinschaft sprach, und die Sozialisten fanden Anerkennung, als sie sie das Schicksal in Anlehnung an den Begriff des göttlichen Weltenplans als „historische Gesetzmäßigkeit“ definiert hatten. Und auch heute ist es nicht anders: Dem einen ist die soziale Marktwirtschaft unter Krisenbedingungen eine Erlebnisgesellschaft, dem anderen eine Risikogesellschaft – aber Schicksal ist es allemal.
Ähnlich verhält es sich mit Begriffen wie Evolution, Entwicklung oder gar Fortschritt – auch diese waren und sind für den Deutschen nichts weiter als Metaphern für Schicksal. Die Relativitätstheorie hatte schon aus diesem Grund
Keine Chance, politikbildend zu wirken: Es ist einem Deutschen aufgrund seiner Schicksalsauffassung unvorstellbar, dass ihm mehrere Dinge gleichzeitig zustoßen oder dass ihm ein und dasselbe zu verschiedenen Zeiten wiederholt passiert. Aber dass das Weltall einen Kälte- und die Erde einen Wärmetod erleiden und dass man in einem schwarzen Loch verschwinden kann, ist für einen Deutschen innerhalb seiner Schicksalsauffassung genau so plausibel und akzeptabel wie das Grundgesetz der klassischen Mechanik, dass dort, wo ein Deutscher ist, nicht zugleich ein zweiter sein kann.
In den alten germanischen Zeiten wurde das Schicksal noch von sogenannten Schicksalsfrauen überwacht, aber es realisierte sich schon damals über vorwiegend männliche Belange wie Krieg oder Spiel. So waren der Furor teutonicus, also die deutsche Angriffswut und der „Eberrüssel“, also die Schlachtordnung der Germanen, nichts anderes als praktizierte deutsche Schicksalsauffassung. Auf ähnliche Weise oblagen unsere Vorfahren dem Glücksspiel und zwar mit einer bedeutenden Leidenschaft. Ein Germane brachte es fertig, Waffen, Frau, Kinder, Haus und Hof und schließlich sich selbst beim Würfelspiel zum Pfand zu setzen. Und wenn er verlor, murmelte er „Schicksal“ und ging hoch erhobenen Hauptes in die Schuldknechtschaft.
Zum Schicksalsverständnis gehörte nämlich auch die Überzeugung, dass das Vorauswissen über eine miese Zukunft noch lange kein Grund ist, sich ihr zu entziehen.
„Schicksal“, sagte der ostdeutsche Autofahrer, als sein Trabant eines Tages den Geist aufgab. Und mit demselben Wort reagierte ein westfriesischer Bauer, als seine Frau, nachdem er fünfundzwanzig Jahre nicht mit ihr gesprochen hatte, die Scheidung einreichte.
Insofern ist der Deutsche auch mit dem, was er als Schicksal bezeichnet, im tiefsten Inneren einverstanden, ja er liebt es selbst dann, wenn es ihm Anstrengung abverlangt, Unannehmlichkeiten bringt oder gar sein Leben kostet.
Die Schicksalsauffassung ist das Geheimnis deutscher Tapferkeit.
Denn der Deutsche ist davon überzeugt, dass selbst die größte Peinlichkeit schicksalhaft ist.
So widerfuhr es einer äußerst sensiblen europäischen Prinzessin, deren Name hier nichts zur Sache tut, dass ihr auf einem hochkarätigen Empfang ein Darmwind abging. Der britische Admiral, dem sie gerade die Hand gereicht hatte, überhörte das Geräusch gefasst. Der französische Gesandte, der ihre Hand so eben ergriffen hatte, entschuldigte sich für seinen unverzeihlichen Faux-pas. Der Deutsche aber, der noch etwas weiter weg stand, rief voller Mitgefühl: „Machen Sie sich nichts daraus, Majestät, das ist mir auch schon passiert. Das ist Schicksal.“