Närrische Zeiten, Band 1

Leseprobe

Ich erinnere mich trotz meiner in letzter Zeit gelegentlich auftretenden Gedächtnislücken noch sehr genau: Es war am Neujahrstag des Jahres dreiundneunzig als der Hund unserer Nachbarin, ein durchaus intelligenter, aber etwas übergewichtiger Mischling von einem Motorradfahrer überfahren wurde. In aller Frühe hörte ich das Knattern der Maschine, dann das Quietschen von Bremsen, schließlich ein klägliches, aber durchdringendes Jaulen und einen gotteslästerlichen Fluch. Kurz darauf klingelte es bei uns, und als ich öffnete, stand Frau Pogge, eine sehr freundliche, aber doch schon etwas ältliche und ziemlich nervöse Dame, fassungslos vor der Tür und sagte nur: „Herr Gottschalck, er ist tot.“
Ich äußerte mein tiefstes Mitgefühl und bot, da die arme Frau nicht wusste, was zu tun war, nachbarschaftliche Hilfe an. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, wie schwer es ist einen armen Hund an einem Neujahrstag, der zugleich ein Sonntag ist, ordnungsgemäß unter die Erde zu bringen. Ich meine, verscharren hätte man ihn an jeder beliebigen Ecke können, der Boden war kaum gefroren. Aber Frau Pogge wünschte für ihren Liebling eine würdevolle und amtlich beglaubigte Bestattung und ich hatte schon nach dem ersten Telefonat mit der zuständigen Behörde begriffen, dass ein bloßes Vergraben des Kadavers nicht nur ein Sakrileg, sondern zugleich ein Verbrechen gewesen wäre, das wenigstens eine empfindliche Geldstrafe nach sich gezogen hätte.
So beginnen Unglücksjahre, dachte ich nach dem Auflegen des Hörers und stellte mir die Fragen, warum Frau Pogge sich ausgerechnet an mich gewandt und was der Tod dieses armen Hundes mit mir zu tun hatte. Der Hund, so philosophierte ich, hätte auch auf andere Weise, zum Beispiel an Krebs, sterben und Frau Pogge sich an jeden beliebigen anderen Mieter unseres Hauses wenden können. Als ich Anna-Luise, also der Frau, mit der ich damals noch ohne jeglichen staatlichen oder gar kirchlichen Segen zusammenlebte, nach meiner Rückkehr von der Hundebeerdigung diese Fragen stellte, zeigte sie mir einen Vogel und sagte einfach nur: „Rudi Gottschalck, wo lebst du eigentlich.“
Am folgenden Tag konstatierte die nachbarschaftliche Erörterung des Vorfalls eine zunehmende Brutalisierung als Kennzeichen heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse, eine fortschreitende Abkehr von Ordnung und Gemeinschaftssinn, ein Nachlassen der Tierliebe sowie das völlige Versagen der Polizei, der Politik und aller anderen verantwortlichen Mächte. Und das alles in einer Zeit des politischen Aufwärtstrends, des Erlebens nie gekannter Freiheiten und schöner Hoffnungen, eines Gefühls als ob uns nun die ganze Welt zu Füßen läge, nämlich wenige Jahre nach den Ereignissen, die wir im neueren ostdeutschen Selbstverständnis auch heute noch „Wende“ nennen!
„Immerhin“, so resümierte Herr Mielke aus der Wohnung unter uns, der immer über alles Bescheid wusste, „ist das der dritte Fall seit dem Weihnachtsfest, wenn man die getöteten Katzen nicht mitzählt. Die schrecken vor nichts zurück!“ Und dann folgte der bemerkenswerte Satz: „Das hätte es früher nicht gegeben!“ In diesem Tonfall hat er es gesagt, ich erinnere mich genau.
Mit „früher“ meinte er offensichtlich die Zeit, in der unser Teil Deutschlands noch als eine gemäßigte Diktatur verfasst war, die sich mit der Vision, Kurs auf Lebensverhältnisse zu nehmen, in denen Glück und Lebensfreude alltäglich seien, zu legitimieren versuchte.
Frau Säuberlich, der gute Geist aus dem Erdgeschoss des Nachbarhauses, vermutete ein wenig verschämt einen Zusammenhang mit dem kürzlich erfolgten Einzug zweier jüngerer Damen in der Dachetage. Ein paar Tage zuvor hatte sie mir noch unter der Abforderung allergrößter Verschwiegenheit angedeutet, dass sich die jungen Frauen hin und wieder in etwas anderes verwandeln, also andere Gestalt annehmen könnten, sie höre jedenfalls gelegentlich ungewöhnliche raubtierhafte Geräusche. Trotz ihrer, also Frau Säuberlichs, wiederholten Hinweisen vergäßen die Damen, die angeblich einem Begleitservice angehörten, nämlich beim Empfang mitternächtlicher Herrenbesuche jedes Mal das Abschließen der Haustür wie auch das Ausschalten der Treppenbeleuchtung.
„Ich will niemanden verdächtigen“, sagte Frau Säuberlich mit auf den Boden gerichtetem Blick, „aber man weiß ja nicht, mit wem die alles Umgang haben.“
Und Frau Herzlieb, ehemals Souffleuse im Theater unserer Landeshauptstadt, wiegte süßbitter und allwissend lächelnd ihren Kopf und sagte: „Das sind jetzt so Schwingungen! Es sind Veränderungen im Gange, die wir nicht erkennen können.“
Herr Nietzsche aber, der immer sehr altmodisch, aber sorgfältig gekleidete stille Herr, der über uns wohnte und sonst den Mund niemals aufkriegte, raunte mir zu: „Das waren die von der Mordkoppel!“
Ehe ich aber nachfragen konnte, was und wen er damit meinte, war er wieder im Hause und in seinem Schweigen verschwunden.
Der Tod des bedauernswerten Tieres hatte Nachwirkungen. Frau Pogge wurde nach dem Verlust ihres Lieblings binnen weniger Wochen gemütskrank und so sollte es dahin kommen, dass sie eines Tages leichtfertig mit ihrem Gasherd hantierte und einen Wohnungsbrand auslöste, der Anna-Luise und mich zu einem nicht geplanten Umzug veranlassen und damit Veränderungen in unserem Leben in Gang setzen sollte, von denen wir vorher nicht zu träumen gewagt hätten. Bei den Löscharbeiten sollte sich außerdem zum Entsetzen aller zuständigen Verantwortlichen herausstellen, dass die dreigliedrige Leiter des Einsatzwagens der Feuerwehr nicht bis zum Anschlag ausgefahren werden konnte, also nur bedingt einsetzbar war. Dieser Umstand führte zu wechselseitigen Beschuldigungen verschiedener Ämter und zu Auseinandersetzungen in der städtischen Innenpolitik, wobei die daraus resultierenden Animositäten Wirkungen zeigten, die bis ins nächste Jahrtausend reichten und meinem Freund Johannes, der ja damals Chef der stadteigenen Feuerwehr war, schwer zu schaffen machten.
Überhaupt begannen sich, wie ich mich erinnere, nach dem Tod jenes Hundetieres die Ereignisse mit, wie man bei uns sagt, „affsünnerlichen“ Folgen zu häufen. Nur wenige Tage darauf, also am Dreikönigstag, schiss eine Taube während des Gottesdienstes dem Abgeordneten Möller aufs Gesangbuch, und zwar genau in dem Moment, in dem er eine Spende für die afrikanische Partnerschule unseres Städtchens in die Sammelbüchse einwerfen wollte. Ludwig Möller war damals weit und breit der einzige Bundestagsabgeordnete in unserer Gegend. Und er war in eben dieser Eigenschaft gekommen, um die ziemlich kleine örtliche Parteibasis der Freien Demokraten zum treuen Zusammenhalt und zu weiteren Aktionen zu ermutigen. Dazu gehörte auch, dass er für die Kamera, also für die Redakteurin des „Klünow-Kuriers“, das war damals Solvejg Bergfeld, seinen großen Schein noch einmal sichtbar falten musste um ihn in die für kleinere Münzen vorgesehene Öffnung der Sammelbüchse stecken zu können. Alle Anwesenden, sogar die unschuldigen Sternsänger, wussten natürlich, dass Möller damit seinen Kandidaturen für die nächste Wahlperiode seiner Partei und die nächste Legislaturperiode des höchsten deutschen Parlamentes Nachdruck verleihen wollte.
Wir haben, wie im deutschen Norden üblich, eine kleine, aber sehr schöne Backstein-Kirche mit einem wertvollen Altarbild der „Verkündigung“ und einem Glockenensemble, das es in sich hat. Um es nur kurz anzudeuten: Unsere Glocken schlagen in bestimmten Abständen eine Systole zu viel als ob sie wie die meisten unserer Prediger einen kleinen Herzfehler hätten. Aber wir haben auch seit ich denken kann Tauben in der Kirche. Unser amtierender Pfarrer, Durs Fischer, regte sich regelmäßig auf, wenn Fenster und Altar von ihrem Dreck gesäubert werden mussten. „Denen ist aber auch gar nichts heilig“, pflegte er dann jedes Mal entrüstet zu sagen. Aber es blieb halbherzig: Schließlich hatte er für solche Ungelegenheiten seine Leute und eine kleinere Reinigungsfirma, die das so gut wie umsonst machte, seit ihr Chef, ehemals Funktionär einer staatstragenden Partei, Christ und Mitglied des Gemeinderates geworden war. Alle Kirchgänger hatten sich daran gewöhnt, dass die süßen Täubchen während des Gottesdienstes, ja sogar beim Abendmahl, vor allem aber bei Führungen für Touristen mehr oder weniger aufgeregt gurrten, herumflatterten und dies und das fallen ließen. Ich erinnere mich, dass sie allen Grund hatten ihr Missfallen zu äußern. Die Predigten unseres Gemeindepfarrers waren durchaus keine Höhepunkte abendländischer Rhetorik, also ziemlich simpel gestrickt, und ihre emotionale Beschaffenheit riss einen auch nicht gerade aus der Bankreihe. Der Gemeindegesang war offen gesagt kümmerlich und schleppend, so sehr sich Frau Doktor Kussmaul, also Barbara Kussmaul, die pensionierte Altphilologin und Vorsitzende unseres „Historischen Vereins“ auch bemühte, die Singenden durch entschiedenes, lauteres und schnelleres Orgelspiel aus ihrer Lethargie zu reißen. Die Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen waren eher langweilig als festlich, weil Durs Fischer, also unser Pfarrer, in fester protestantischer Gesinnung alles schmückende Beiwerk ablehnte, damit Gemeinde und Besucher Gott nicht aus den Augen verlieren konnten. Und was den Touristen erzählt wurde, wenn sie sich schon mal in unser Kirchlein verirrt hatten, will ich als erfahrener Wanderführer lieber nicht kommentieren, ja, ich möchte mich nicht einmal daran erinnern.
Man konnte den Tauben ihr gelegentliches Flattern also nicht verübeln. Aber dass sich eine von ihnen zur Zukunft des kirchlichen Gemeinderates und zu einer deutschen Parlamentsmitgliedschaft derart entschieden ablehnend äußerte, war noch nie vorgekommen. Natürlich amüsierte sich die halbe Stadt darüber, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand das Geschehen einordnen und seine Folgen abschätzen, geschweige denn benennen konnte, der Abgeordnete des Bundestages Ludwig Möller am allerwenigsten. Er fühlte sich einfach beschmutzt und war noch monatelang sauer, sobald er an unsere Kirche und unser Städtchen denken musste. Und so kam es denn dazu, dass bei der nächsten Sitzung des zuständigen Verkehrsausschusses, dessen Mitglied Ludwig Möller war, aufgrund seines zögerlichen Engagements die für unser Städtchen geplante Umgehungsvariante durchfiel.
Was damals im Stadtparlament als mittlere Katastrophe eingeschätzt wurde, hat aus heutiger Sicht überwiegend positive Folgen. Der Verkehr geht nämlich zur Freude aller anliegenden Geschäftsinhaber und Restaurantbetreiber seitdem immer noch durch unsere Stadt hindurch. Mit anderen Worten: Die Tauben haben dafür gesorgt, dass wir nicht einfach links gelassen werden konnten wie all die anderen Städte, die mit ihren Umgehungsvarianten in Kauf nahmen, dass mit dem Verkehr auch gleich alles andere beruhigt wurde und die Entwicklung in Zukunft an ihnen vorbeiging.
„Gottes Wege sind unerforschlich“, pflegte unser Pfarrer Durs Fischer immer zu sagen.
Aber das war des „Affsünnerlichen“ noch nicht genug. Wenige Tage später, nämlich kurz nach dem Neujahrsempfang des Bürgermeisters, fand eine außerordentliche Sitzung unserer Stadtvertretung statt, auf der sie über ein Dokument entschied, das den Abgeordneten in seinem Wortlaut noch nicht vorlag, aber in Absprache mit einem Vertreter der Landesregierung derart dringlich gemacht wurde, dass sofort abgestimmt werden musste. Der Bürgermeister, das war damals Winfried Kohl, ein gläubiger Christ, der seine Karriere ehemals in der gleichen Partei wie mein Vater begonnen hatte, sprach von Gottvertrauen, glücklicher Fügung und einer historischen Chance. Dann verwies er auf die desolate finanzielle Situation der Kommune, die Notwendigkeit einer wirklichen „Wende“ und die Teilhabe unserer Stadt an den Segnungen der Weltzivilisation als höchsten politischen Zielen seiner Amtszeit. Abschließend forderte er die Versammelten auf, endlich einmal die Borniertheiten aller vergangenen Jahrhunderte hinter sich zu lassen und über ihren eigenen Schatten zu springen, was diese denn, derart animiert, zum Wohle unserer Stadt auch mit Ausnahme eines einzigen alle taten. Und dieser Einzige war ausgerechnet Sigurd, der Unbestechliche, der von manchen auch der Abtrünnige genannt wurde, weil er sich als ehemaliges Mitglied der Linkspartei von dieser getrennt, dann eine Zeit lang der Grünen Alternative angehört, aber sich kurze Zeit darauf von dieser ebenfalls abgewandt hatte. Nun war er als Vertreter einer kleinen, aber treuen Wählergemeinschaft das einzige parteilose Mitglied unseres Stadtparlamentes. Mein Freund Flippi nannte ihn Sigurd, den Alleinstehenden. Dieser Sigurd nun hatte zwar immer recht, aber niemals die Mehrheit. Und so war es denn auch bei dieser Abstimmung. Gerechtigkeitshalber muss ich allerdings hinzufügen, dass die liebenswürdigste aller SPD-Abgeordneten, also Carola Babendererde, an dieser Abstimmung nicht hat teilnehmen können, weil sie krank war. Die Abgeordnete Babendererde wäre die zweite vernünftige Stimme im Stadtparlament gewesen, aber sie war zu diesem entscheidenden Zeitpunkt eben nicht präsent.
Als ich den Abgeordneten Gunter Nachtigall, den ich als gelegentlichen Besucher der Veranstaltungen des „Historischen Vereins“ kannte, fragte: „Was habt Ihr denn eigentlich da beschlossen?“, antwortete er nach einem längeren Hüsteln: „Wenn ich das wüsste, Rudi Gottschalck, dann würde ich dir das sagen. Aber wir werden es schon noch rechtzeitig erfahren.“
Gunter Nachtigall war als leitender Mitarbeiter eines Bildungsunternehmens eigentlich ein denkender Mensch, aber er wurde sich der Absurdität seiner Antwort nicht bewusst, sodass ich schon an mir und meinem eigenen Verstand zu zweifeln begann. Als ich Anna-Luise von dieser meiner Befürchtung Mitteilung machte, meinte sie trocken: „Rudi, wir leben in einer neuen Zeit und du bist wie die meisten einfach nur ein bisschen überfordert. Aber irgendwann gibt sich das.“
„Du hältst mich wohl für blöd?“, fragte ich.
Da sie aber vielsagend lächelte, bestand ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf einer Antwort und dankte ihr für ihre trostreichen Worte.

2

Wie ich mich erinnere, stand selbst die Vorbereitung des Karnevals in jenem Jahr unter einem unglücklichen Stern. Die drei Neuaufnahmen in der Gruppe der Tanzmariechen, alles fraglos hübsche Mädchen, brachten unsere ortsansässige Tanzlehrerin Dorothea Sauer-Wichmann während der Proben zur Weißglut und zur Androhung der Niederlegung ihres Amtes, weil sie allesamt rechts und links verwechselten und deshalb jeweils zum falschen Zeitpunkt das falsche Bein hoben, was zur Folge hatte, dass sie ihren Mittänzerinnen in den Hintern traten wo sie synchron hätten sein müssen. Es ist schon durchaus ein schlechtes Zeichen, wenn so junge Menschen rechts und links nicht auseinanderhalten können.
Aber noch schlimmer war, dass sich während einer der letzten Proben unseres Männerballetts eine seiner zuverlässigsten Stützen, der Steuergehilfe Adalbert Schmidt, das linke Bein verrenkte und trotz aller Bemühungen von Dr. Lämmchen, unserem ortsansässigen „Ruckser“, bis zum Auftritt nicht wiederhergestellt werden konnte. Es musste also ohne Adalbert Schmidt gehen.
Wir taten, was wir konnten, um den in jenem Jahr angesetzten „Schneeflöckchen-Tanz“ so eindrucksvoll wie möglich auf die Bühne zu bringen. Die Choreografie Frau Dorothea Sauer-Wichmanns sah vor, dass immer ein Wirbelwind drei Schneeflöckchen vor sich hertrieb und ihnen bei dieser Gelegenheit ermöglichte, ihre „Tutus“, also ihre Tüll-Röckchen, so oft und so hoch wie möglich zu lüften.
Flippi, mein Freund Fillip Hünemörder, war sozusagen der Wirbelwind, der unsere Dreiergruppe, also meinen Freund Karl Kleeversath, den besagten Steuergehilfen und mich, in Schwung bringen sollte. Wir hatten es ohne Adalbert Schmidt versucht.
„Neinneinnein, so geit dat nich“, entschied Frau Dorothea Sauer-Wichmann, „es müssen drei sein.“
Wir versuchten, im Freundeskreis Ersatz zu finden. Mein bester Freund Johannes Klüterjahn konnte aufgrund dienstlicher Verpflichtungen bei der Feuerwehr nicht. Mein zweitbester Freund Rainer Jarmatz wollte wegen einer lang geplanten Auslandsreise nicht und Paul Bottgenhagen, den ich meinen Sorgenfreund nannte, weil er ein Quartalssäufer war, durfte wegen einer Verfehlung politisch-moralischen Charakters nicht. So blieb nur Artur Tiefensee übrig, der ehemalige Kampfschwimmer der Volksmarine der DDR.
Es war nicht so, dass Artur für die Aufgabe ungeeignet gewesen wäre. Er war von seiner Beweglichkeit und Fitness her durchaus in der Lage, die erforderlichen Bewegungen zu absolvieren. Aber er hatte kein Taktgefühl und alles Künstlerische, noch dazu alles Parodistische, war ihm völlig unzugänglich. So gelang es uns zwar, ihn zu überreden die Rolle für dieses eine Mal zu übernehmen und Dorothea Sauer-Wichmann gab ihren Segen in der Erwartung zusätzlichen Amüsements, aber wir hätten damit beinahe eine öffentliche Diskussion über das künstlerische Unvermögen der Mitglieder des Elferrates, also gewissermaßen eine Krise des Karnevalswesens in unserer Stadt provoziert. Und das konnten wir uns in jenem Jahr nicht leisten, da mein alter Freund Paul Bottgenhagen, dessen Büttenreden immer eine zuverlässige Glanznummer des Rosenmontagsballes gewesen waren, kurz vor dem Beginn der humorigen Feierlichkeiten dispensiert werden musste, weil trotz aller verzweifelten Erziehungsversuche seiner Frau Erna und aller wohlüberlegten Entziehungsmaßnahmen seines behandelnden Arztes der Quartalssäufer in ihm wieder einmal zum Durchbruch gelangt war.
In dieser Rolle sang Paul dann jedes Mal lauthals und melodisch völlig verantwortungslos unsere Landeshymne, in der davon die Singe ist, dass die Ostseewellen an den Strand „trecken“ und dass unsere Heimat, das Mecklenburger Land, also dort ist,

„wo das Bauernhaus auf weiten Feldern steht,
wo die Dorfkapelle treu die Stunde schlägt,
wo des Försters Hütte steht am Waldesrand,
wo der Fischer fischt mit seiner starken Hand,
da ist meine Heimat, Mecklenburger Land“

Ich meine, der Text aus dem vorvergangenen Jahrhundert hatte nicht mehr viel mit der Realität zu tun. Das Bauernhaus stand schon lange nicht mehr auf weitem Feld, die Uhren der Dorfkirchen gingen seit Jahren, wie man bei uns sagt, nach dem Mond, weshalb ja immer wieder Fördermittel für sie beantragt werden mussten, und Förster und Fischer waren überdies auch schon seit einiger Zeit Auslaufmodelle, letztere schon wegen der Fangquoten und Richtlinien der Europäischen Union.
Das einzig sachlich Korrekte an der Hymne war die Textstelle

„wo die Möwen schriegen grell in‘ t Stormgebrus
Da is mine Heimat, da bün ick to Hus …“

Die Möwen am Strand machten nämlich auch in unserer neuen Zeit noch ein unüberhörbares Geschrei, und wenn Paul in seinem ihm eigenen Plattdeutsch und in seiner schrägen Melodik weiter sang, konnte man sich zwar belästigt fühlen, aber kaum etwas dagegen haben. Erschreckend war aber jedes Mal, was auf diesen stolz bekennenden patriotischen Gesang folgte. Diesmal war er im halbnackten Zustand durchs Rathaus gelaufen, hatte alle Türen aufgerissen und die Verwaltungsangestellten mit Sätzen wie „Ihr solltet alle entlassen werden, ihr Arschlöcher!“ verunsichert. Und das war noch die mildeste seiner Formulierungen. Jedenfalls wurde Paul Bottgenhagen in diesem Jahr auf Anregung der städtischen Verwaltung und nach Maßgabe des Elferrates unter dem Vorsitz des Schneidermeisters Elmar Weber wegen der Erregung öffentlichen Ärgernisses weder als Büttenredner noch als Tänzer des Männerballetts zugelassen.
Adalbert Schmidts, des Steuergehilfen, fehlende tänzerische Leistung konnte, wie bereits berichtet, durch den heldenhaften Einsatz Artur Tiefensees notdürftig kompensiert werden. Pauls Büttenrede aber war durch nichts und niemanden zu ersetzen.
Noch schlimmer aber war, dass der Beginn des Rosenmontagsballes im Gasthof „Zum Raben“ von einem Ereignis überschattet wurde, das den Verzicht auf Pauls Rede übertraf und beinahe zum Abbruch des närrischen Treibens geführt hätte. Als nämlich die Eröffnungsfanfaren, die den Einzug des Prinzenpaares ankündigten, erklangen, löste ein eifersüchtiger Ehemann bei seinem Chef, dem Fuhrunternehmer Roller, mit einer Schreckschusspistole eine Herzattacke aus. Spätere polizeiliche Befragungen ergaben, dass er mit einem solchen Ausgang der schon lange schwelenden Auseinandersetzung nicht gerechnet, sondern vielmehr nichts weiter beabsichtigt hatte als jenem Chef nahe zu legen, seiner, also des Täters, Ehefrau während der Veranstaltung keine anzüglichen Komplimente mehr zu machen.
Natürlich war der Abend damit gelaufen, denn die Fanfarenbläser waren gezwungen ihr Eröffnungssignal zunächst einmal abzubrechen und das Prinzenpaar, das waren in jenem Jahr der Sportlehrer Lothar Jungmann und die zahnärztliche Stuhl-Assistentin Gesine Kupke, musste seinen festlich-pompösen Einmarsch erst einmal abbrechen beziehungsweise aufschieben.
Die Närrinnen und Narren konnten sich, obwohl genügend Alkohol im Angebot war, vor dem Eintreffen der „Schnellen Medizinischen Hilfe“ nicht recht zur Lustigkeit entschließen und kamen auch nach dem Abtransport des Opfers, das ja trotz gegenteiliger Versicherungen des Unfallarztes von den meisten für tot gehalten wurde, nur noch schwer in die sonst übliche Stimmung. Erst der Auftritt unseres Männerballetts mit dem „Schneeflöckchen-Tanz“ vermochte, sie wieder an den Anlass ihrer Zusammenkunft zu erinnern.
Das Delikate an der Angelegenheit war, dass die Ehefrau, deren Ehre hier verteidigt werden sollte, in unserem Städtchen hinter vorgehaltener Hand die Brünstige Brigitte genannt wurde und dass sie von ihrem Ehemann oft wochenlang allein gelassen werden musste, da ihm als Kraftfahrer im Fuhrunternehmen Roller immer die längsten Strecken und die klapprigsten Fahrzeuge zugeteilt wurden. Jeder wusste, dass die Brünstige Brigitte während der häufigen Abwesenheiten ihres Mannes mit diesem und jenem etwas gehabt hatte, aber niemals mit dem Chef ihres Mannes.
Der Unternehmer überlebte den Anschlag und kündigte dem aggressiven Mitarbeiter nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus fristlos, sodass dieser sich veranlasst sah, sich mit einem Schwur zu mitleidloser Rache zu verpflichten. Brigitte, die ja als Frau in den besten Jahren immer noch Hoffnungen auf eine glücklichere Partie haben konnte, ließ sich kurz darauf mit der Begründung, sie fühle sich ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher, scheiden. Abgesehen von den familiären Komplikationen, die das Geschehen sichtbar machte, fiel hier zum ersten Mal ein Schatten auf unsere landesweit bekannten und gelobten Rosenmontagsbälle und damit natürlich auch auf unsere kleine Stadt. Das war schon „affsünnerlich“. Jedenfalls wurde die Begebenheit journalistisch gehörig ausgeschmückt und unter der Schlagzeile „Mord am Rosenmontag“ im Rundfunk besprochen. Bis zu diesem Tag galten wir als die unstreitig besten Karnevalisten im – bedenken Sie das bitte – protestantischen Norden unseres Vaterlandes. Aber ab diesem Tag wurde in den umliegenden Gemeinden jedes Jahr vor dem Karneval diskutiert, wer denn bei uns am nächsten Rosenmontag zur Erschießung vorgesehen sei. Daran konnte auch die sachliche Erörterung des Vorfalls durch Solvejg Bergfeld, die damals noch beim „Klünow-Kurier“ tätig war, nichts ändern.
Auch nach dem Karneval riss die Serie unerwarteter Vorfälle von schicksalhafter Bedeutung nicht ab. Beim Heringsangeln Anfang März beispielsweise mussten wir, weil die Heringe in unseren gewohnten Revieren partout nicht bissen, den Standort wechseln. Natürlich entschieden wir uns für den Stadthafen in Rostock. Dank Johannes Klüterjahns Kenntnissen über die Wechselfälle des Wetters, die Psychologie des Herings und die ertragreichsten Fangmethoden räumten wir derart ab, dass es zu einer handfesten Auseinandersetzung mit anderen Anglern kam, die sogar die Polizei auf den Plan rief und zu der Entscheidung, den besagten Stadthafen für auswärtige Angler zu sperren, führte.
An den Ostertagen war es so erbärmlich kalt, dass keiner Lust hatte Eier zu verlegen, geschweige denn zu suchen. Dann kam dieser unerträglich heiße Sommer, der uns alle so träge machte, dass wir zunächst gar nicht bemerkten, wie unerhört drastisch die Spritpreise in unserer Gegend in der Folge der Golfkriege und der erbitterten Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien stiegen. Das führte unter anderem dazu, dass unser einziges Taxiunternehmen am Ort zeitweise schließen musste und dass mancher von uns, auch meine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau Anna-Luise, überlegten, ob sie ihren Kleinwagen so gut wie gar nicht mehr benutzen oder lieber gleich verschrotten sollten.
Ein paar Wochen später erhielt unser städtisches Selbstbewusstsein einen erneuten Tiefschlag: unsere Fußballmannschaft stürzte wieder einmal in die Kreisklasse ab – absteigen konnte man zu dieser Folge von Niederlagen schon gar nicht mehr sagen. Im Juli fiel das Mitglied der Stadtvertretung Otto Pankofsky, der im Rahmen der „Historischen Hochzeit“, die jeden Sommer in unserer Stadt zelebriert wird, den Öllermann darstellt, von der Bühne, wobei er sich drei Rippen brach und zeitweise sein Erinnerungsvermögen verlor.
Im Herbst musste die Spielhölle in unserer Hauptstraße wegen finanzieller Ungereimtheiten vorübergehend geschlossen werden, was zu einem spürbaren Rückgang beim Sponsoring jenes einträglichen Unternehmens führte, sodass eines der Lieblingsprojekte unseres Bürgermeisters, die Sanierung des Denkmals für die elf tapferen Patriotischen Jäger, die im Schicksalsjahr achtzehnhundertdreizehn eine ganze Kompanie napoleonischer Besatzer in die Flucht geschlagen hatte, nicht realisiert werden konnte.
Auch die Hubertusjagd, die unser Jagdverein alljährlich zur allgemeinen Belustigung und zur Vertiefung des Verständnisses der Bevölkerung für die Belange der Jagd im Allgemeinen und die gelegentliche Sperrung von Waldgebieten im Besonderen abhält, war betroffen. Von einem Mitarbeiter der für das Jagdwesen zuständigen Behörde wurde trotz aller umständlichen Sicherheitsmaßnahmen versehentlich ein Treiber, nämlich der in unserem Städtchen wegen seiner Trinkfestigkeit ziemlich bekannte Tischlergeselle Alfred Schönigk, angeschossen. Während der Getroffene sich nach seiner Verletzung gestikulierend verständlich zu machen suchte, fiel er in Ohnmacht und zwar genau zwischen die Strecke der erlegten Wildschweine. So konnte er nicht sofort bemerkt, ärztlich bewertet und behandelt werden. Er überlebte glücklicherweise trotzdem. Die Hubertusjagd findet seitdem zwei Mal statt, einmal mit und einmal ohne scharfe Munition, wobei die Bevölkerung das eine Mal eingeladen und das andere Mal ferngehalten wird. Um das Maß vollzumachen, fuhr, wenn ich mich richtig erinnere, Anfang November ein vorschriftsmäßig angeschnallter Rollstuhlfahrer, weil er nicht an seine Bremsen herankam, in den Klünow-See und ertrank.
Und das in einer Zeit, in der wir vermeinten, zur Freude aller seiner Bewohner in das deutsche Paradies zurückgekehrt zu sein, und nun endlich machen zu können was wir wollten und wonach uns war, bespielsweise eben Schlabber-Look, Baggy Pants und verkehrt herum aufgesetzte Baseballkappen tragen oder irgendwo zu Dumpingpreisen auf Kosten anderer Urlaub zu machen. Denn die Sektpartys zur Feier der deutschen Wende konnten nicht ewig dauern, die Freude war schon am Morgen danach ein Zitat ihrer selbst und nicht mehr ganz echt und als ich meinem Freund Flippi gegenüber einmal andeutete, was ich damit meinte, sagte er nur trocken und mitleidlos: „Die echten Säufer haben schon kurz nach Mitternacht gekotzt!“
Das nun empfand ich als etwas übertrieben, aber die Freude blieb geteilt und unsere Erwartungen erwiesen sich als überzogen. Wir waren zwar nun berechtigt, auf die neuen Angebote zuzugreifen, aber finanziell nicht ausreichend dafür ausgestattet. Nicht jeder von uns war gewieft genug wie beispielsweise der blonde Eckbert und die schöne Irene, ein Unternehmerehepaar, das schon in DDR-Zeiten eine Nerzfarm, eine Catering-Firma und einen halb illegalen Autohandel betrieben hatte und sich den neuen Verhältnissen auf bewundernswürdige Weise problemlos anpassen konnte. Schon nach wenigen Wochen verfügte das Familienunternehmen über den größten Autohandelspark in unserer Gegend, eine Tankstelle, einen Fisch-Service vom Allerfeinsten und eine Flotte von Verkaufswagen mit polnischen Landwirtschaftsprodukten von allerhöchster Qualität und zu Preisen, die alle Angebote unserer ansässigen Markthändler in Frage stellten.
Wir waren in der anderen Welt angekommen. Sie präsentierte sich, ehrlich wie sie war, zunächst mit einem Überfall von Hütchenspielern, die unseren gutgläubigen, uneinsichtigen und trotzigen Rentnern auf dem Marktplatz das Geld aus der Tasche zogen bis wir sie eines Tages in einem Sondereinsatz mit Flippi und Artur an der Spitze aus Sprossow vertreiben konnten. Dass inzwischen die größeren Hütchenspieler schon lange ihre Häufchen unter Dach und Fach hatten, dass also beispielsweise marktwirtschaftlich erfahrene und seriöse Werften aus den alten Bundesländern die Fördermittel, die sie anlässlich der Übernahme der angeblich oder wirklich verrotteten Ost-Werften erhielten, für ihre eigene Sanierung verwendeten, ahnten wir damals noch nicht. Es hätte auch nichts gebracht: Wir waren schon ausgeschieden bevor wir die Spielregeln begriffen hatten.
So wäre denn auch zu reden von der allgemeinen Arbeitslosigkeit, die plötzlich um sich griff, nachdem die wichtigsten Betriebe unseres Städtchens, nämlich die Schuhwerke „Walter Ulbricht“ und die „Bratfischlinie II Clara Zetkin“, ein Teilwerk des ehemaligen Fischkombinates, geschlossen und verkauft worden waren. Es wäre darüber zu berichten, dass die meisten Vermieter, angefangen bei der Städtischen Wohnungswirtschaft, auf einmal verrückt spielten und die Mieten mit fadenscheinigen Argumenten um Hunderte von Prozent steigerten, aber auch davon, auf welch unterschiedliche Weise sich die Einwohner unseres Städtchens bemühten ihre Arbeitslosigkeit zu vertuschen, mit welchen bauernschlauen, letztendlich aber trotzdem hilflosen Tricks sie versuchten, auf andere Weise Geld zu machen, beispielsweise durch die Installation von Ferienwohnungen in ihren Dachgeschossen oder Geräteschuppen. Bemerkenswert auch, wie viele Jobs manch einer gleichzeitig annahm um einigermaßen zurechtzukommen. Zum Beispiel mein Freund Karl, der neben seiner Arbeit als Schlosser noch den „Klünowkurier“ austrug, Toiletten saubermachte, alles, was ihm über den Weg lief, reparierte und an einem gesundheitlich zwar riskanten, aber gut bezahlten Abnehmprogramm teilnahm, obwohl er gar nicht abnehmen musste. Oder es müsste die Rede gehen von all diesen familiären und charakterlichen Verwicklungen und Tragödien, die nach der Zugänglichmachung der Akten des ehemaligen Sicherheitsdienstes, der sogenannten Stasi, öffentlich, also ruchbar wurden. Das alles erspare ich mir vorerst, auch diese ungewöhnliche, also „affsünnerliche“ Himmelserscheinung, die wir im späten Herbst jenen Jahres über unserer Region beobachten konnten und die nach den Worten von Johannes Klüterjahn, meinem engsten Freund, sieben Jahre Unglück ankündigte.
Es passierte so vieles in jenem von einem jähen Hundetod eröffneten Jahr, dass Johannes, der das eine oder andere aufgrund einer während seiner Armeezeit erworbenen speziellen Fähigkeit vorhersehen und -sagen konnte, mit seinen Vorahnungen gar nicht mehr nachkam und mir eines Tages gestand, dass er sich närrisch vorkäme und es satt habe, immerzu etwas vorauszusehen, was er nicht verhindern könne. Ich verstand ihn sehr wohl, weil es mir ähnlich erging. Wir hatten nämlich eine vergleichbare Begabung und zwar das, was man bei uns den „wieden“ Blick nennt. Aber Johannes Klüterjahn sah hell und ich sah schwarz.
Johannes war ein zuverlässiger Prognostiker, was das Wetter betraf. Er wusste, wo wir angeln mussten und welcher Laden Pleite machen und also Schnäppchen verkaufen würde. Aber er konnte nie eine Zeitvorgabe machen. Er wusste immer nur, was passieren würde, aber niemals wann. Und deshalb brachte ihn manche Voraussicht in schwierige Situationen. Johannes Klüterjahn sah, das beschwöre ich, die DDR untergehen, als noch keiner daran dachte und sich ihre Repräsentanten noch in bester Verfassung glaubten. Und da er schon damals nichts für sich behalten konnte, plauderte er darüber und redete sich beinahe um Kopf und Kragen, obwohl er selber hätte voraussehen können, dass er sich damit Ärger einhandeln würde.
Ich dagegen als Schwarzseher wusste bei jeder Sache immer, dass etwas Furchtbares drohte, aber wegen des Überangebots meiner Phantasie nie genau, wie schlimm es wirklich werden würde. Natürlich litt auch ich unter meinen schwarzen Phantasien, weil ich immer ein Gefühl von Schuld hatte, wenn sie Wirklichkeit geworden waren. Anna-Luise sagte dann zwar jedes Mal beruhigend: „Siehst du, Rudi, nun ist es doch nicht ganz so schlimm gekommen wie du gedacht hast!“ Aber wohler wurde mir davon auch nicht, denn im Grunde meines Herzens fühlte ich, dass mich diese Schwarzseherei immer wieder heimsuchen würde, so sehr ich auch dagegen anzugehen versuchte und dass sie mir in meinem künftigen Leben noch manches Problem einbrocken würde.

„Häng dien Mütz up‘n Stänner un sett di henn!“
Das war der Satz, mit dem mich „Größing“, also die Mutter meiner Mutter, die auch „Grabow-Oma“ oder „Platt-Oma“ genannt wurde, weil sie zuletzt in Grabow gelebt hatte beziehungsweise im Gegensatz zur „Sachsen-Oma“, also der früh verstorbenen Mutter meines Vaters, plattdeutsch sprach, bei jedem meiner Besuche begrüßte.
Wenn ich dann aufgeregt zu erzählen begann, empfahl sie mir: „Räd plattdüütsch, min Jung, hochdüütsch verschlimmert de Sak!“ Und bevor sie sich setzte um mir zuzuhören sagte sie immer noch: „Awer allens de Reich nach! Eins nach dem annern! Un as wie’n ihrlicher Minsch!“
Nach meinen ersten Sätzen nahm sie beruhigend meine Hand und sagte noch: „Wat um Kopp und Kragen geht, mööst för di behollen!“