Der Autor

Mein literarisches Selbstverständnis

Norddeutsches Erzählen in der Tradition Fritz Reuters, John Brinckmans u. a. hat die deutsche Literatur von Fontane über Thomas Mann bis zu Uwe Johnson und Günter Grass mehr geprägt als das öffentliche Literaturverständnis jemals wahrgenommen hat. Wenn auch die Bindung an die nieder- bzw. plattdeutsche Sprache nicht mehr so ausgeprägt ist wie noch im vorvergangenen Jahrhundert, so ist es doch heute noch präsent und, wo es wahrgenommen wird, beliebt.
Was norddeutsches Erzählen vor allem ausmacht, ist die Nähe zum mündlichen Sprechen und Erzählen, Bedächtigkeit und Umständlichkeit, ständiges Versichern, Beglaubigen und Beteuern nach „rückwärts“, die Ausstellung einer ausgesprochen poltrigen Kauzigkeit, ständiges schalkhaftes „Brüden“ und Necken in der Tradition der Eulenspiegelei und der Trend zum „Ausufern“. Der Erzähler schwadroniert mit todernstem Gesicht, „mit steinerner Versteckmiene“ (Uwe Johnson). Vorgeblich Selbsterlebtes oder durch fragwürdige Gewährpersonen Autorisiertes (Großmutter- oder Seemannsgarn, Angler- und Jägerlatein) überlagern den tatsächlichen Hergang und werden wichtiger als die Tatsachen selbst.
Der da erzählt, ist Augen- und/oder Ohrenzeuge von schier Unglaublichem und benutzt seinen ganzen Erzählreichtum, um das an den Mann, die Frau oder die Tafelrunde zu bringen. Die ihm gegenübersitzen wissen natürlich, dass das alles erstunken und erlogen ist, aber sie lassen nicht erkennen, dass sie es wissen und er lässt nicht erkennen, dass er weiß, dass sie es wissen. Ein Wort, eine Geste reicht zur Verständigung, vielsagendes Augenrollen sagt an, dass man nicht zu viel gucken lassen, sich nicht um Kopf und Kragen reden und schon gar nicht alles glauben soll. In diesem verabredeten Kommunikationsspiel sind geniale Hochstapelei und übertriebene Bescheidenheit ebenso am Platze wie scheinbare Weltfremdheit und ausgestellte Weltläufigkeit.
Unter dieser Voraussetzung können groteske Absurditäten und alberne Missverständnisse, Doppel- und Mehrfachdeutigkeiten sowie Über- wie Untertreibungen bedenkenlos genutzt werden, um die Dummheiten“ und Verletzungen der Vergangenheit und die „Verschlimmbesserungen“ und Ängste der heutigen „närrischen“ Zeiten erkennbar und die „Verspätungen der Seele im norddeutschen Raum“ (nochmals Uwe Johnson) erleb- bzw. nachvollziehbar werden zu lassen. Im „Hintergrund“ aber entsteht eine parabelträchtige mythologische Situation mit spirituellen Glanzlichtern, die durchaus hoffnungs- und damit zukunftstauglich ist.